Wirtschaft

Da Deutschland die dauerhafte Sommer-Uhrzeit in Erwägung zieht, stellt sich die Frage, welche Folgen das für die Wirtschaft hätte, und ob es eine Option gibt, die bessere Aussichten bietet. Eine wachsende Anzahl von Studien, die Aufschluss über die negativen Auswirkungen der Uhrenumstellung oder einem Leben in der falschen Zeitzone (z. B. Sommer-Uhrzeit) geben, kann uns bei der Beantwortung dieser Frage helfen.

Es wird behauptet, dass die Sommer-Uhrzeit bestimmten Geschäftsbereichen zugute kommt [Mich18]. Es wird ebenso behauptet, dass die Standardzeit anderen Geschäftsbereichen zugute kommt [Bria13]. Diese Art von Diskurs spiegelt weniger wirtschaftliche Bedenken wider sondern Ängste und den Einfluss besonderer Interessengruppen (d.h. Lobbygruppen) und bestimmter Unternehmen. Letztendlich geht der Markt dahin, wo das Geld ist.

Was geschaffen werden muss, sind die Bedingungen für Antrieb und Erfolg. Der Rest folgt. Und Sommer-Uhrzeit ist keine Voraussetzung für Erfolg, ganz im Gegenteil.

Wirtschaftliche Auswirkungen der Uhrumstellung auf die Sommer-Uhrzeit

Wenn die Uhr auf Sommer-Uhrzeit umgestellt wird, werden eine Reihe von negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft beobachtet:

  • Arbeiter sind 20-27% weniger produktiv [WBLF12];

  • Die Kosten für das Gesundheitswesen steigen (der Verlust wird auf 4 Millionen Euro pro 1 Million Bürger über einen Zeitraum von 4 Tagen geschätzt) [JiZi20];

  • Arbeitsunfälle steigen um 5,7% [BaWa09];

  • Märkte verlieren Milliarden aufgrund schlecht getroffener Entscheidungen und Ängsten nach der Zeitumstellung [BeDo11, KaKL00];

  • Arbeiter verlieren 67,6% mehr Arbeitstage aufgrund von Verletzungen [BaWa09];

  • Die Sterblichkeit steigt durch die plötzliche Zunahme von Herzinfarkten (24% Zunahme der täglichen Herzinfarkte [SaSG14]) und Autounfällen (insgesamt 6% Zunahme, da Standorte weiter westlich in einer Zeitzone stärker betroffen sind [FVWV20]). Schätzungen zu Folge kostet dieser Verlust an Leben 0,44 Millionen Euro pro 1 Million Bürger [JiZi20, Smit16].

 

Zum Glück klingen die hier aufgeführten die Auswirkungen der Zeitumstellung im Lauf der Wochen ab. Es gibt jedoch anhaltende Effekte eines Lebens in der falschen Zeitzone.

Schlechter Schlaf, schlechte Wirtschaft

Es ist unbestritten, dass guter Schlaf uns glücklicher, produktiver, entspannter und zu besseren Denkern macht. Unzureichender Schlaf bedeutet zum einen erhöhte Mortalität und Morbidität und folglich gesteigerte Ausgaben im Gesundheitswesen. Zum anderen treten weitere Verluste auf, wie eine Verminderung der Produktivität, eine Zunahme von Arbeitsunfällen und schlechte Entscheidungen, die letztendlich die Wirtschaft Milliarden von Euro kosten [HSTT16]. Daten, zusammengetragen aus 5 Industrienationen, Kanada, USA, Deutschland, Großbritannien und Japan, weisen auf einen jährlichen Verlust von 680 Milliarden Euro hin. Abbildung 1 zeigt die einzelnen Werte für jede Nation sowie ihren relativen Prozentsatz am Bruttoinlandsprodukt (BIP) dieser Nation.

Abbildung 1. Quelle: [HSTT16]

In Tabelle 1 werden die wirtschaftlichen Kosten von unzureichendem Schlaf mit den Investitionen pro Nation in den Bereichen „Forschung und Entwicklung“ (F&E) und „Gesundheitswesen“ verglichen. Wenn die Nationen bessere Bedingungen für Schlaf schaffen würden, würde dies nicht nur die Gesundheitskosten senken, es würde auch Kapital frei, um 50-100% mehr F&E-Programme zu finanzieren.

Tabelle 1: Vergleich der Ausgaben für Forschung und Entwicklung, Gesundheitswesen und der wirtschaftlichen Kosten unzureichenden Schlafs als Prozentsatz des BIP.

Für Deutschland wurde geschätzt, dass 30% der Menschen weniger als 7 Stunden schlafen (9% schlafen weniger als 6 Stunden und 21% schlafen zwischen 6 und 7 Stunden) [HSTT16]. Andere Quellen sprechen sogar von 80% mit weniger als 7 Stunden Schlaf [RoWK19].

Die Sommer-Uhrzeit kostet Schlaf und Geld

Die meisten Menschen brauchen einen Wecker, um morgens rechtzeitig aufzuwachen [RPZW19]. Dies bedeutet, dass das Aufwachen nicht stattfindet, weil der Körper ausreichend ausgeruht hat, sondern aufgrund sozialer Verpflichtungen. Weil die Menschen den sozialen Zeiten so viel Aufmerksamkeit schenken, ist es leicht zu übersehen, was wir tatsächlich tun, wenn wir auf Sommer-Uhrzeit umstellen: Wir zwingen die Menschen unfreiwillig, eine Stunde früher aufzustehen. Und es ist daher nicht überraschend: Menschen schlafen während der Sommer-Uhrzeit weniger [BaWa09, JiZi20, WBLF12]. Einige Leute und Institutionen behaupten immer noch, dass man sich an die Sommer-Uhrzeit anpassen kann, ohne dies mit wissenschaftlichen Studien zu begründen [BrPh20, Clea20, Medi20]. Das ist ein gefährlicher Mythos (siehe Mythos „Daran gewöhnt man sich.“).

 

Da die Sommerzeit die Schlafqualität verschlechtert, hat sie einen negativen Einfluss auf die Wirtschaft [BaWa09, BeDo11, FVWV20, GiMa19, GiSh18, HaHI18, HLWJ20, IrHH17, JiZi20, KaKL00, Smit16].

Wirtschaftlichen Auswirkungen einer dauerhaften Sommer-Uhrzeit

Gesundheit

Ein Leben in der falschen Zeitzone führt zu schwerwiegenden gesundheitlichen Komplikationen [GiMa19, HSTT16], eine von ihnen ist die Erhöhung des Krebsrisikos [Bori11a, Diem00, GXDZ17, VWVH18].

Um den Effekt einer permanenten Sommer-Uhrzeit auf die Gesundheitskosten abzuschätzen, lassen sich Studien zu Rate ziehen, die die Gesundheitskosten zwischen Regionen östlich und westlich von Zeitzonengrenzen vergleichen [GiMa19].

Wie in der Abbildung auf Abbildung 2 gezeigt, treten Sonnenauf- und -untergang östlich von der Zeitzonengrenze nach lokaler Zeit eine Stunde später auf als westlich von der Zeitzonengrenze, obwohl die Sonnenzeit gleich ist - Sonnenaufgang z. B. geschieht schließlich genau genommen für beide Seiten zur gleichen Zeit. Aber auf der Ostseite der Grenze würden die Leute sagen, dass der Sonnenaufgang (zum Beispiel) um 8 Uhr stattfindet, während die Leute auf der Westseite sagen würden, dass die Sonne 7 Uhr aufgeht. Diese zeitliche Versetzung der sozialen Zeit (der Uhrzeit) von 1 Stunde entspricht der Differenz zwischen Standardzeit und Sommer-Uhrzeit. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Gesundheitskosten für Bezirke auf der Ostseite der Grenze um mindestens 82 US-Dollar pro Kopf und pro Jahr höher sind als auf der westlich der Zeitzonengrenze, was 2,35 Milliarden Dollar pro Jahr (rund 2 Millionen Euro) entspricht [GiMa19].

Abbildung 2: Lokale Zeit des Sonnenauf- und -untergangs östlich und westlich der Zeitzonengrenze. Quelle:  [GiMa19]

Basierend auf dieser Berechnung entspricht dies unter Verwendung des Gesundheitskostenwerts von 10738 US-Dollar pro Kopf für die USA im Jahr 2017 (gemäß dem Zentrum für Krankheitskontrollen und Prävention - CDC) einem Anstieg der Gesundheitsausgaben um 0,76%. Diese Schätzung berücksichtigt nicht das gesamte Spektrum der gesundheitlichen Komplikationen, die sich aus der Sommer-Uhrzeit ergeben. Eine umfassende Schätzung, in der die Kosten aller bekannten, durch Sommer-Uhrzeit verursachten Gesundheitsprobleme betrachtet werden, gibt es leider noch nicht.

Löhne und Produktivität

Hinsichtlich Produktivität gibt es verschiedene Schätzwerte. Alle stimmen jedoch darin überein, dass der Einfluss der Sommer-Uhrzeit negativ ist [GiMa19, GiSh18, HSTT16]. Ein angemessener Wert für den Produktivitätsverlust unter Sommer-Uhrzeit beträgt 1,1% (ein Verlust von etwa 21 Arbeitsstunden pro Person und Jahr) [GiSh18, JiZi20]. Dies stimmt gut mit Schätzungen des Produktivitätsverlusts aufgrund von unzureichendem Schlaf überein [HSTT16].

Folglich ist es auch nicht überraschend, dass Löhne in der Sommer-Uhrzeit im Durchschnitt insgesamt um 3% niedriger sind, was bedeutet, dass ein Produktivitätsverlust alle Arbeitnehmer betrifft [GiMa19, GiSh18]. Das bedeutet für den deutschen Staatsbürger einen Verlust von 1350 Euro pro Jahr [Oecd20].

 

Energieverbrauch

Der Energieverbrauch ist ebenfalls Gegenstand von Analysen und Kontroversen. Einige behaupten, dass mehr natürliches Licht am Abend die Energiekosten senken wird, indem Straßenbeleuchtung eingespart wird - in diesem Szenario wäre die Sommer-Uhrzeit vorteilhafter. Andere behaupten, dass mehr natürliches Licht am Morgen die Energiekosten senken wird, indem Heizkosten eingespart werden - in diesem Fall wäre die Standardzeit vorteilhafter. Es erscheint eine sinnvolle Annahme, dass Heizkosten den Stromkosten überwiegen, da das Heizen teurer ist als Licht. Die tatsächlichen Ausgaben können von Land zu Land abhängen.

Es wird gesagt, dass Heizkosten oder Rohstoffverbrauchs schwer abzuschätzen sind [ArNe08, HaHI18, IrHH17]. Daher konzentriert sich die Fülle der verfügbaren Studien auf den Stromverbrauch als Maß für die Energieeinsparung.

Eine Studie über Großbritannien geht beispielsweise davon aus, dass mit einer permanenten Sommer-Uhrzeit 0,3% der Elektrizitätskosten eingespart werden könnten [HDGC10]. Eine andere Studie aus dem Jahr 2009 schätzt jedoch, dass durch dauerhafte Sommer-Uhrzeit die Elektrizitätskosten im US-Bundesstaat Indiana um 1 bis 4% steigen würden, was einem Geldbetrag von fast 9 Millionen US-Dollar pro Jahr entspricht [KoGr09]. In den meisten Studien, in denen Einsparungen aufgezeigt werden, liegen diese unter 1%, unabhängig davon, wo die Einsparungen gesehen wurden (Standardzeit oder Sommer-Uhrzeit) und sind größtenteils widersprüchlich [ArNe08, HaHI18].

Eine neuere Meta-Analyse der Publikationen zum Thema rund um Uhrenumstellung und Elektrizitätseinsparung kommt zu dem Schluss, dass die beste Schätzung des Einflusses der Sommer-Uhrzeit auf den Elektrizitätsverbrauch nahe Null ist [HaHI18, IrHH17].

Selbst unter Berücksichtigung von Effekten der geographischen Breite ist der potentielle Energieeinsparungseffekt nicht wirklich vorhanden [ArNe08, HaHI18]. Für die Türkei, ein Land im Süden, prognostizieren die Autoren eine Elektrizitätseinsparung von 0,06% durch Standardzeit, für Deutschland eine Energieeinsparung von 0,1% durch Sommer-Uhrzeit [HaHI18, IrHH17].

Die Anzahl der Zeitzonen ist unproblematischt

In Bezug auf die Europäische Union wurden Befürchtungen laut, dass zu viele Zeitzonen den Handel störe [Euro19, Scha19]. Und doch, die größte „Ein-Land-Wirtschaft“, die USA, hat vier verschiedene Zeitzonen. Das demonstriert, dass wirtschaftliche Stärke sehr wenig mit der Anzahl der Zeitzonen zu tun hat.

Mit dem stetigen Wachstum von Informations- und Kommunikationstechnologien gibt es viele Möglichkeiten, die geographische Entfernung zu kompensieren und effektiv und aufeinander abgestimmt Handel zu betreiben und Dienstleistungen auszuführen. Dies ist bereits gängige Praxis bei Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, bei denen der größte Teil des Informationsaustauschs über Online-Dienste abgewickelt wird. Ein ähnliches Vorgehen wird für andere Branchen erwartet.

Nichtsdestotrotz wurden auch die Auswirkungen der geographischen Entfernung und der Zeitzonen beleuchtet. Insbesondere wurden dafür Verkäufe durch Verbundunternehmen in anderen Ländern als Indikator für die Auswirkungen verschiedener Zeitzonen herangezogen. Für den Handel in anderen Ländern nutzen Firmen Verbundunternehmen im Land ihres Handelspartners. Da diese einen Prozentsatz vom Umsatz einbehalten, ist die Nutzung solcher Verbundunternehmen von Firmen stets abzuwägen. Eine Studie zeigt, dass Handel zwischen Ländern mit bis zu zwei Zeitzonen ohne erhöhte Nutzung von Verbundunternehmen vonstatten geht [Chri17]. Ein signifikanter Anstieg an Bedarf für Verbundunternehmen wurde erst beobachtet, wenn der Zeitzonenunterschied 5 Stunden oder mehr beträgt.

 

Daten vom Observatorium für wirtschaftliche Komplexität, ermöglichen uns einen besseren Einblick in die Handelspartner jedes Landes. Aus diesen läßt sich schließen, ob der Handel von Zeitzonenunterschieden beeinflusst wird [Oec: 00].

Die wichtigsten Exportziele Deutschlands sind die USA (111 Mrd. USD), Frankreich (103 Mrd. USD), China (95 Mrd. USD), das Vereinigte Königreich (90,3 Mrd. USD) und die Niederlande (84,5 Mrd. USD). Die wichtigsten Importursprünge sind China (109 Mrd. USD), die Niederlande (89,9 Mrd. USD), Frankreich (69,1 Mrd. USD), die Vereinigten Staaten (61,6 Mrd. USD) und Italien (58,5 Mrd. USD).

Für Deutschland hätte die Wahl der Zeitzonen keinen Einfluss auf den Markt: Für Handelspartner innerhalb der Europäischen Union würde der Unterschied in den Zeitzonen keine große Rolle spielen (Unterschied von 0-2 Zeitzonen). Lediglich für Partner außerhalb des Kontinents wäre die geographische Entfernung ein zu berücksichtigender Faktor.

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