Gesundheit

Chronobiologen weltweit sind sich einig: Die Sommer-Uhrzeit hat schwerwiegende Konsequenzen für die Gesundheit von Körper und Geist, insbesondere wenn sie ganzjährig währt [BTPK17, Dayl20, Kali00, RWSA19].

Doch warum ist das so?

Sommer-Uhrzeit bedeutet, in einer Zeitzone zu leben, die zu weit im Osten für die geographische Lage des Landes ist. Deutschland lebt während der Sommer-Uhrzeit nach osteuropäischer Zeit, obwohl es geographisch im westlichen Mitteleuropa liegt. Die Uhrzeit und folglich die sozialen Zeiten, nach denen wir uns richten müssen, sind dann zu früh für den tatsächlichen Sonnenstand und damit zu früh für unsere innere Uhr [RoWK19], die Schlaf- und Aktivitätsphasen steuert [KrMe13, S.4, 55, 68, 128]. Die Sommer-Uhrzeit schiebt somit die sozialen Zeiten noch weiter von jenen weg, die mit unserer inneren Uhr verträglich wären, oder anders formuliert: Wir müssen schlicht und einfach zu früh aufstehen. Die Folge ist die Erhöhung des sozialen Jetlags [BTPK17]

Die akuten Probleme, die die Umstellung der Uhr auf die Sommer-Uhrzeit nach sich zieht, sind mittlerweile den meisten Menschen wohlbekannt. Die chronischen Folgen eines dauerhaften Lebens in der falschen Zeitzone (ganzjährigen Sommer-Uhrzeit) werden jedoch weitestgehend unterschätzt (siehe Mythos „Daran gewöhnt man sich.“). Dabei sind diese wesentlich gravierender als die vorübergehenden akuten Probleme der Umstellung.

Akute Folgen der Uhrenumstellung

Studien, die die Tage nach der Umstellung auf die Sommer-Uhrzeit untersuchen, zeigen:

  • Der nächtliche Schlaf verkürzt sich. [BaWa09]

  • Jugendliche sind tagsüber schäfriger. [ScRa09]

  • Allgemeine Unfälle und Besuche in der Notaufnahme nehmen zu. [FROF18]

  • Häufigkeiten von Herzinfarkten steigen. [JALM12, MFGZ00]

  • Es treten mehr Schlaganfälle auf. [SRRK16]

  • Es kommt häufiger zu Fehlgeburten nach In-Vitro-Befruchtung. [LPCG17]

  • Menschen leiden vermehrt unter Stimmungsschwankungen. [MoAp80]

Die Auswirkungen der Uhrenumstellung werden von Wissenschaftlern mit denen von Schichtarbeit verglichen [MoAp80].

Chronische Folgen einer (dauerhaften) Sommer-Uhrzeit

Da Sommer-Uhrzeit den sozialen Jetlag erhöht [BTPK17], sind die Folgen der Sommer-Uhrzeit mit den Folgen von sozialem Jetlag gleichzusetzen.

Die (dauerhafte) Sommer-Uhrzeit

Widerlegt: Vermeintlich positive Effekte der Sommer-Uhrzeit

Vermeintlich positive Effekte der Sommer-Uhrzeit, wie eine Erhöhung der körperlichen Aktivität durch eine Stunde mehr Licht am Abend gelten als widerlegt [Roen19, Wats19, Zick14]. Studien zeigen entweder nur einen sehr geringen Anstieg abendlicher Bewegungsaktivität in einigen Ländern, in anderen Ländern keinen oder sogar eine Abnahme an Aktivität [GPCI14, Roen19, Zick14].

Auch das Argument, eine Stunde mehr Licht am Abend sei gut für die Gesundheit, ist eine Fehlinterpretation wissenschaftlicher Erkenntnisse. Es ist richtig, dass wir möglichst viel Tageslicht und Aufenthalt im Freien genießen sollten. Dieses stellt unsere innere Uhr. Mit zu wenig Tageslicht verspäten sich die inneren Uhren der meisten Menschen, was zu gesundheitsschädigendem sozialem Jetlag beiträgt [Roen19]. Und das ist bereits bei den meisten Menschen der Fall [RPZW19, SKAH20]. Aber: Um unsere Uhr früher zu stellen und diesen sozialen Jetlag zu minimieren, brauchen wir Licht am Morgen [RoDM03] (siehe auch Lichthygiene). Und genau dieses Licht am Morgen wird uns durch die Sommerzeit genommen.  Licht am Abend jedoch, was die Sommerzeit uns gibt, führt dazu, dass sich unsere inneren Uhren noch weiter verspäten, unser sozialer Jetlag also noch größer wird [RoDM03].

Frühere Zeiten für eine verspätete Gesellschaft? Das macht keinen Sinn.

Statistiken zeigen, die innere Uhr der meisten Menschen ist bereits im Vergleich zur gesellschaftlichen Norm „zu spät dran“. 93% brauchen einen Wecker, um 6 Uhr aufzustehen [RPZW19]. Das zeigen Verteilungen von Chronotypen (Schlaftypen) [RPZW19, SKAH20]. Diese Menschen leiden bereits an sozialem Jetlag [RPZW19]. Ihre körpereigene Schlafzeit entspricht nicht der gesellschaftlichen Norm. Oder umgekehrt formuliert: Die gesellschaftliche Norm entspricht nicht den körpereigenen Schlafzeiten der meisten Menschen.

Welchen Sinn macht es, die gesellschaftliche Norm noch früher zu legen? Genau das macht aber die Sommer-Uhrzeit.

Sommer-Uhrzeit bedeutet nichts weiter, als eine Stunde eher aufstehen zu müssen. Statt zwischen 22 – 6 Uhr liegt die gesetzliche Nachtruhe in der Sommer-Uhrzeit zwischen 21 – 5 Uhr. Und das ist zu zeitig. Wir rücken also durch die Sommer-Uhrzeit die gesellschaftliche Norm noch weiter von unseren natürlichen Schafphasen weg. Gemessen an der „neuen Uhrzeit“, der sogenannten Sommer-Uhrzeit, werden wir zu späteren Chronotypen (im Volksmund Eulen), der soziale Jetlag erhöht sich [BTPK17].

Besonders dramatisch ist eine Sommer-Uhrzeit im Winter, da dort unsere inneren Uhren saisonalbedingt noch später dran sind als im Sommer [HBWC18, HBWH14, HNST18, KJMR07].

Mythos: „Daran gewöhnt man sich.“

 

Die Unterschätzung des Risikos der dauerhaften Sommer-Uhrzeit beruht auf dem Mythos, dass sich der Körper an diese anpasse. Es ist wissenschaftlich belegt, dass die innere Uhr nicht durch soziale Zeiten, sondern durch Licht gestellt wird [Alle19, RoDM03]. Dabei hat die Sonne, trotz der Existenz von künstlichem Licht, einen signifikanten Einfluss [Bori11, HBWC18, Rand08]. Durchschnittliche Aufwachzeiten folgen in einer Zeitzone dem Ost-West-Lauf der Sonne, obwohl die soziale Zeit gleich ist [RoKM07]. Es wurde gezeigt, dass Cortisol-Rhythmen (das „Wachheitshormon“) während der Sommer-Uhrzeit nur zwei Minuten vorrücken, obwohl die soziale Uhr um 60 Minuten verstellt wurde [HBWH14]. In Russland wurde während einer 3-jährigen dauerhaften Sommer-Uhrzeit (2011 – 2014) ein konstant erhöhter sozialer Jetlag und ein dauerhaft erhöhtes Maß an Winterdepression festgestellt - Effekte die erst nach der Rückkehr zur dauerhaften Normalzeit verschwanden [BTPK17]. Aktivitätsprofile an Wochenende reagieren so gut wie gar nicht auf die Umstellung auf die Sommer-Uhrzeit [KJMR07, RoKM07]. Der nächtliche Schlaf verkürzt sich um 19 min [GiMa19, Roen19]. Auch positive Effekte der Uhrenrückstellung im Herbst auf die Standardzeit, wie „eine Stunde mehr Schlaf“, weisen auf chronischen Schlafmangel hin [KlDi05, Roen19]. Die Tatsache, dass Herzinfarktraten nach der Rückstellung auf Standardzeit im Herbst sinken [JALM12], spricht dafür, dass sie während der Sommer-Uhrzeit erhöht waren [RoWK19].

Ein weiteres, sehr offensichtliches Zeichen dafür, dass der Sonnenstand einen großen Einfluss darauf hat, welche zeitlichen Tagesabläufe der Mensch als angenehm empfindet, ist die Tatsache, dass durchschnittliche Arbeitszeiten innerhalb der mitteleuropäischen Zeitzone von Ost nach West immer später werden [RoWK19], obwohl alle nach der gleichen Uhrzeit leben. Die Menschen passen sich so intuitiv an die Ost-Westverzögerung der Sonnenzeit an.

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